Geschichte


  • 1496

    Die Anfänge der Baptistengemeinde Lintorf führen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Als Folge des damaligen geistlichen Aufbruchs reformierte sich das Verständnis über das geistliche Leben entsprechend der Bibel. Luther und Zwingli waren sich einig: Die Rettung kommt allein durch den Glauben. In den weiteren Schritten der Reformation entstand ein neues Verständnis über die Taufe.

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    Gemeinfrei, Link


    Unter anderem ist Menno Simons (1496-1561) für seinen Bruch mit der katholischen Kirche, hin zur Taufe aufgrund des Glaubens, bekannt. Es wurde ein Gemeindeleben nach den Prinzipien der ersten Christengemeinde angestrebt. Konkret bedeutete dies, dass zur Gemeinde nur überzeugte Christen gehören sollten. Weiterhin setzten sich die sogenannten „Täufer“ für die Trennung von Staat und Kirche ein, was von den Herrschenden als Bedrohung, ja als Gotteslästerung empfunden und überall aufs Schärfste verfolgt wurde. Aufgrund der Repressalien und dem großzügigen Angebot der Zarin Katharina II verließen viele ihre Heimat in der Hoffnung, im Zarenreich ein sicheres Leben zu führen. Im Zarenreich gründeten die Ausgewanderten Kolonien, hauptsächlich im Gebiet der heutigen Ukraine und an der Wolga in Südrussland. Die russischen Behörden gewährten ihnen zunächst Selbstverwaltung, was einen wirtschaftlichen Aufstieg der Kolonien und das Ausleben des Glaubens begünstigte.
  • 1800

    Was anfänglich aus überzeugtem Glauben geschah, stand in den nächsten Generationen immer in Gefahr, zur reinen Tradition zu werden. So ist es nicht verwunderlich, dass in den deutschen Ansiedlungen Evangelisation und geistliche Erneuerung enorm wichtig wurde. Unter anderem war der Begründer der Baptistenbewegung Johann Gerhard Oncken (1800-1884) eine bedeutende Persönlichkeit. Er selber wurde in der Elbe getauft und unternahm Evangelisations- und Gemeindegründungsreisen. Mit diesem Ziel war Johann Gerhard Oncken auch in Südrussland bei den deutschen Kolonien.
  • 1874

    Im Jahr 1874 verloren die deutschen Kolonien ihren Sonderstatus. Dies führte dazu, dass bis 1912 etwa 300.000 Russlanddeutsche nach Nordund Südamerika auswanderten.
  • 1917

    Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Russlanddeutschen im Zarenreich als „potentieller Verräter“ und „innerer Feind“ bekämpft.
    Gesetzte wurden verabschiedet, die die Vertreibung und die Enteignung der Deutschen vorsahen. Zur endgültigen Umsetzung kam es jedoch noch nicht, da im Jahr 1917 die Oktoberrevolution begann, mit der das Zarenreich zur Sowjetunion wurde.
  • 1931

    Ein Ziel der bolschewistischen Partei war es, Religion und Kirchen zu vernichten. Um dieses Ziel zu erreichen, setzten sie alle verfügbaren Mittel ein, von grober atheistischer Propaganda bis hin zum Terror mit einer heute nicht mehr feststellbaren Zahl von Toten unter den Gläubigen, die unter entsetzlichen Umständen ihr Leben verloren.
    Es folgten schreckliche Jahre: Kirchen wurden geschlossen und beschlagnahmt, viele Gläubige gingen in den Untergrund. Im Jahr 1931 proklamierte die Staatsführung der UdSSR das „Jahrfünft der Gottlosigkeit“.
    Auch Vorfahren der Lintorfer Baptistengemeinde waren in den Schrecken des Krieges und in den Fängen der Verfolgung. Sie mussten Leiden um ihres Glaubens und ihrer Herkunft willen.

    Bruder Viktor Polle erinnert sich an diese Zeit: „Im Jahr 1930 begann eine schreckliche Christenverfolgung, sodass alle Bethäuser geschlossen wurden, auch das Bethaus in Nikolaj- Polje, Gebiet Rastow. Zehn Jahre gab es keine Gottesdienste. Im Jahr 1940 kam ein russischer Bruder nach Nikolaj- Polje, Luka Resenko, der dort heimlich Versammlungen in den Häusern durchführte. Zum Treffpunkt kamen die Gläubigen immer alleine oder zu zweit. Man benutzte immer die Hintereingänge, Fenster und Türen waren immer geschlossen. Oft stand eine Petroleumlampe unter dem Tisch und einer der Anwesenden las die Bibel. Von allen Seiten des Hauses hielt je ein Kind Wache. Wenn jemand zu nah an das Haus kam, alarmierten sie sofort. Getauft wurde immer nachts. Heimlich gingen die Täuflinge zu Bruder Resenko in die Steppe. Wegen der Verfolgung, fand die nächste Taufe immer an einer anderen Stelle statt. So kam es, dass der Herr im Laufe von anderthalb Jahren eine Gemeinde von etwa 30 Mitgliedern gründen konnte. Im Jahr 1941 verstärkte sich die Verfolgung auf die Gläubigen. Viele Geschwister wurden verhaftet, darunter die Brüder Luka Resenko und Heinrich Moor und die Schwestern Dorothea Gärtner, Regina Priebe und Lydia Rezlaw. Nur Bruder Heinrich Moor kam aus der Inhaftierung wieder frei. Ab September 1941 wurden dann viele Deutsche aus Nikolaj- Polje nach Abai/ Südkasachstan deportiert.“
    Auch Nikolai Reich, der Vater unseres Bruder Viktor N. Reich, wurde an 27. Februar 1938 verhaftet. Laut Akteneintrag wurde er am 09. April 1938 zum Tode verurteilt und am 23. April 1938 in Stalingrad erschossen. Die Anklage lautete: „Zugehörigkeit zu einer kontrarevolutionären- sektiererischen (bet-brüderlichen) Gemeinschaft.“
  • 1941

    Nachdem der deutsche Überfall die Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg gezogen hatte, begann die sowjetische Regierung mit der Deportation der deutschen Bevölkerung nach Osten oder nach Zentralasien, weil sie erneut als „innerer Feind, Spione und Sowjetfeinde“ betrachtet wurden. Die meisten von ihnen mussten in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Mehrere Hunderttausend – die nicht ermittelte Zahl schwankt um 700.000 – starben in dieser Zeit. Viele Vorfahren der heutigen Baptistengemeinde Lintorf wurden um 1941 aus dem Gebiet Rostow/ Südrussland nach Abai/ Südkasachstan zwangsumgesiedelt.
  • 1948

    In Südkasachstan kamen überwiegend Frauen mit Kindern an, da ihre Männer festgenommen oder in die sogenannte „Trudarmee“ einberufen wurden. Die Neuankömmlinge lebten nicht zentral beisammen, sondern zerstreut im Umkreis von 40 Kilometern um Abai. Deshalb war in der Zeit von 1941 bis 1948 eine geistliche Gemeinschaft unter den Gläubigen nicht möglich. Das Jahr 1948 kann als Geburtsstunde der Gemeinde gesehen werden: Weihnachten 1948 versammelten sich die die Gläubigen nach der Zwangsumsiedlung wieder zum ersten Mal. Man traf sich in zwei Gruppen: Eine Gruppe unter der Leitung der Schwester Fina Fafengut in Kisilasker- Abai und eine zweite Gruppe unter der Leitung der Schwester Fina Gärtner in Bischkobur.

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    Fina Gärtner


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    Fina Fafengut

  • 1953

    Mit Gottes Hilfe wuchs die kleine Gemeinde, so dass im Jahr 1953 die ersten Jugendlichen getauft wurden. Nikolai Bergmann, Anna Bergmann, Irma Pfaffengut, Alma Rezlaw und Frieda Treptau gehörten zu den ersten Getauften. Pfingsten 1954 wurden Jakob und Maria Becker und Wilhelm Bergmann, welcher im Jahr 1955 als Ältester eingesetzt wurde, getauft.

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    Wilhelm Bergmann


    Unterstützt wurde Wilhelm Bergmann in der Gemeindearbeit anfänglich von Heinrich Moor, der im Jahr 1953 aus der Haft entlassen wurde. Im Jahr 1956 wurde die Gemeinde mit 38 Täuflingen gesegnet.
  • 1960

    Mit der Zeit war der Bedarf da, das Wort Gottes auch in russischer Sprache zu verkünden. In den Sechzigerjahren sandte der Herr die Familien der russischsprechenden Brüder Viktor N. Reich, Johann Anton und Adam Ruppel nach Abai. Diese Geschwister waren in der Gemeinde im russischen Predigerdienst, sowie in der Kinder- und Jugendarbeit sehr behilflich. Bruder Viktor N. Reich ist aus Sibirien nach Abai umgezogen, weil ihm dort eine Verhaftung als „Volksfeind“ drohte.
  • 1979

    Bis zum Jahr 1979 trafen sich die Gläubigen in Abai in den Häusern der Geschwister. Dann bot sich die Möglichkeit ein Bethaus zu errichten. Bruder Viktor N. Reich erinnert sich: „Es kam der Frühling 1979, als wir mit dem Bau des Bethauses beginnen konnten. Zwar stießen wir dabei auf viele Schwierigkeiten, Versuchungen und Probleme seitens der Behörden, aber aufgrund der Gebete der Gemeinde stand uns Gott in allem mit seiner starken Hand bei. Dreimal beschlossen die Volksbehörden, das schon fast fertige Bethaus zu beschlagnahmen. Wir mussten diesbezüglich mehrere Male die zuständigen Behörden in Tschimkent und Alma-Ata aufsuchen. Dort wurde uns aber immer wieder mitgeteilt, dass sich Moskau um diese Angelegenheit kümmern müsse. Mit dem Rat nach Moskau zu fahren, half uns der Superintendant, ältester Prediger Kasachstans, N.A. Kolesnikow. Und so kam es, dass wir wegen dieser Frage nach Moskau fuhren. Währenddessen befand sich die Gemeinde im Gebet und im Fasten - und Gott erhörte uns! Danach konnte das Siegel von der Bethaustür entfernt und der Bau des Bethauses beendet werden. Im September 1980 fand dann die Einweihung des Bethauses statt.

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    Bethaus in Abai


    Obwohl das Bethaus schon gebaut war und wir uns schon fünf Jahre in ihm versammelten, versuchten die Behörden uns immer wieder Hindernisse in den Weg zu legen, indem sie uns zu Unterhaltungen über verschiedene Fragen, teilweise über die Frage der Kinder im Bethaus, zu sich einluden. All diese Situationen kosteten viele Versuchungen und Gesundheit. Meine Gesundheit verschlechterte sich und ich konnte ein halbes Jahr lang die Versammlungen nicht besuchen. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich dann im Jahr 1987 meinen Dienst als Ältester aufgegeben. Bruder Johann Anton übernahm bis zu seiner Ausreise nach Deutschland das Ältestenamt.“
  • 1989

    Die Gemeinde wurde gesegnet und hatte im Jahr 1989, als die ersten Geschwister nach Deutschland auswanderten, etwa 325 Mitglieder. In der Zeit der Ausreise übernahm Bruder Jakob Moor die Verantwortung in der Gemeinde.

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    Chor im Jahr 1989.

  • 1989Neuanfang in Deutschland

    Nach den vielen Umsiedlungen der Deutschen in der UdSSR bahnte sich Ende des 20. Jahrhunderts wieder ein großer Einschnitt in das Leben vieler an. Nachdem der „eiserner Vorhang“ gefallen war, entstand für die deutschen Einwohner Russlands die Möglichkeit einfacher als je zuvor nach Deutschland auszuwandern. Nach vielem Überlegen und Abwägen der Argumente einigten sich die Vorfahren der Lintorfer Baptistengemeinde. Man hatte damals den Eindruck als würde Lukas 21,29-39 greifbar werden. Erste Zusammenkünfte Dort zeigt Jesus Christus nämlich das Bild der knospenden Bäume, insbesondere des Feigenbaums. Da dieses Bild auf die Wiederherstellung Israels und den Aufbruch der Völker vor der Wiederkunft des Herrn Jesus deutet, sahen sich auch die Vorfahren mitten in diesem geschehen. Sie sahen auch das deutsche Volk als einen Baum, der anfing zu blühen. Schon bald machten sich die ersten Familien auf den Weg nach Deutschland. Viele Russlanddeutsche fanden ab 1989 ein neues Zuhause im Wittlager Land.
7. April 2021

Geschützt: Jubliäumsfilm 2016

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